Schwanger, verlassen, vergewaltigt

Schwanger, verlassen und vergewaltigt

Es war kurz vor meinem 17. Geburtstag, als ich zum Frauenarzt ging um mir die Pille verschreiben zu lassen. Der Arzt schaute mich etwas verwirrt an und fragte mich noch einmal, warum ich da sei … Er sagte kurz und trocken: Liebes Kind, Sie sind ja bereits schwanger!

Tausende von Frauen würden wahrscheinlich in so einem Moment heulen vor Freude … Aber ich sah vor meinen Augen das Leben an mir vorüberziehen! Keine Lehre, kein Job und kein Freund!

Meine Mutter reagierte wie immer auf Probleme: Sie wollte mich vor die Tür setzen. Dank dem Jugendamt ließ sie sich doch dazu überreden, mich bis zu meinem 18. Geburtstag bei ihr zu behalten.

Der Vater, mit dem ich drei Jahre zusammen war, wollte nichts wissen von einem Baby. Er fühlte sich mit 20 zu jung für ein Kind. „OK“, dachte ich, „macht nichts. Irgendwie schaffst du das alleine.“ Am 22.10.2002 um 21:05 erblickte Pascal nach 15 Stunden das Licht der Welt. Ich sah in seine Augen und wusste: Es wird alles gut, wir schaffen das. Augen zu u durch.

Ich bekam eine Wohnung und lernte bald darauf Markus kennen. Liebe auf den ersten Blick? Nein, aber ich setzte mich selbst unter Druck, mit allen Mitteln einen Vater für Pascal zu finden.

Ich stillte Pascal mit seinen acht Monaten noch immer und von meiner Regel war noch keine Spur. Also dachte keiner von beiden daran, dass ich schwanger werden könnte. Großer Fehler, denn nach einem Monat saß ich mit dem Mutter-Kind-Pass in der Hand beim Frauenarzt…

Meine Mutter redete kein Wort mehr mit mir. Markus hingegen setzte mich dermaßen unter Druck, das Kind abzutreiben, dass ich mich Tage lang zu Hause einschloss! Ich wollte das Baby doch haben. Es ist nicht mein Recht über Leben und Tod zu entscheiden, das steht mir nicht zu! All das ging es mir Stunden lang durch den Kopf. Ich war mit meinen Nerven am Ende und Pascal wurde mir und dem Baby gegenüber schon richtig aggressiv!

Der Traum ist geplatzt, denn eines Tages sah ich Markus mit einer anderen küssend und Händchen haltend im Kaffee sitzen.

Nun, da saß ich also alleine mit meinem dicken Bauch (ich war ja schon im 5. Monat) und mit Pascal brüllend neben mir…

In der 35. Woche war es so weit: Der Arzt machte einen Ultraschall und stellte fest, dass sich die Plazenta ablöste und ich sofort ins Krankenhaus musste. Da stand ich ganz alleine mit dem dicken Bauch und einer Tasche in der Hand und fuhr Richtung Kreißzimmer. Ich hatte das Thema zweites Baby so weit von mir weggeschoben, dass es mir noch immer wie ein Traum vorkam. Die Geburt wurde eingeleitet um 18:30 am 26.03.2004 wurde ich zum zweiten Mal Mutter.

Ich sehe ES an und rieche an der Haut. Sie duftet nach Zuckerwatte mit Honigmilch. Ich schaue ihm in die Augen und sehe, dass mich das Baby anstrahlt, als ob es mir sagen wollte: Guten Tag Madame, da bin ich nun, und was machst du jetzt? Ich schaute nach unten, sah, dass es ein Junge war, und sagte laut: „Da bist du ja endlich, mein kleiner Julian!“

Julian hatte die Nabelschnur um den Hals und hätte sich damit fast das Leben genommen. Er war mit der Entwicklung so weit hinten, dass er wie in der 30. Woche aussah! Er musste vier Wochen lang auf der Intensivstation bleiben. Es fraß mich fast auf vor Schuldgefühlen: Wie konnte ich nur solche Gefühle für mein Kind entwickeln? Heute weiß ich, dass es die Angst war, die Angst vor dem, was die Zukunft bringen würde.

Ich kann euch sagen, was passiert ist: Julian kam nach Hause und Pascal sah in das erste Mal an. Er küsste ihn und sagte laut und deutlich über sein strahlendes Gesicht: „MEIN BABY!“

Die beiden sind ein Herz und eine Seele. Natürlich streiten sie auch, sie sind ja Brüder, aber wenn ich daran denke, dass ich ihn hergeben wollte oder was geschehen wäre, wenn ich auf Markus und meine Mutter gehört hätte… Julian ist perfekt, ein Geschenk Gottes! Er hat mir gezeigt, dass er nicht Schuld hatte an unserer Situation. Er hat mir gezeigt, dass er ein Recht darauf hatte zu leben.

Und nun: Nun stehe ich vor einem tiefen Abgrund, der mich mit seiner ganzen Trauer und seinem ganzen Schmerz verschlingt!

Ich wurde erneut schwanger, von einer Vergewaltigung. Und, ja, ich wollte dieses Baby haben. Ich denke mir, dass es auch ein Recht darauf hat, die Welt zu sehen. Pascal wuste schon das er noch einmal großer Bruder würde, und cremte mir jeden Tag den dicken Bauch ein. Ich liebte dieses Baby, denn ich sah es nur als Teil von mir, und nicht als Teil seines Erzeugers, der im Gefängnis sitzt. Es war meines!

Um so schmerzvoller war es, als ich am 15.08.05 um 15.50 Uhr meine Tochter alleine unter großen Schmerzen am WC tot zu Welt brachte. Sie durfte nur 17(+3) Wochen bei mir bleiben. Ich schreibe euch hier etwas aus Sophias Baby-Tagebuch:

ICH SCHAUTE HINUNTER UND SAH :

MEIN KIND

MEIN KIND – MIT 17 WOCHEN

MEIN KIND – KOPF, NASE, MUND, AUGEN, OHREN

MEIN KIND – OBERKÖRPER –WIE DÜNN DU DOCH BIST

MEIN KIND – RECHTE HAND BEI DER NABELSCHNUR

MEIN KIND – LINKE HAND BEI DER WANGE

MEIN KIND – SO DÜNNE BEINCHEN UND FÜSSCHEN

ICH KANN NICHT ANDERS UND STREICHLE

ÜBER DEN KOPF – WIE WEICH DU DOCH BIST

ÜBER DIE WANGEN – BLEIB DOCH BEI MIR

ÜBER DEN OBERKÖRPER – DAS BEKOMMEN WIR SCHON HIN

ÜBER DIE BEINCHEN – ICH STRICK DIR SCHUHE, BLEIB DA

UND…

DU BIST EIN MÄDCHEN – MEIN MÄDCHEN, PERFEKT

MEINE SOPHIA MARIE

Der Schmerz ist groß und nur meine zwei lebenden Kinder geben mir die Kraft und den Willen weiter zu machen…

Also reißt euch zusammen, da ist ein Leben in eurem Bauch, ein Teil von euch!

Wenn ich das alles mit meinen 20 Jahren alleine schaffe, schaffen muss, dann kommt doch wohl ihr spielend zusammen!

Ich hoffe, dass ich einigen helfen konnte. Denkt daran, irgendwo gibt es jemanden, dem es noch schlechter geht als euch und die schaffen das auch. AUGEN ZU UND DURCH!

 

Nadja

 

Quelle: www.meinbaby.info


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